BASICS

DAS REAKTIVE SYSTEM

"Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit."

(Viktor Frankl)

 

 

Nichts im Leben passiert zufällig. Alles im Leben, was passiert, hat einen Sinn. Wenn also etwas passiert, das uns unglücklich macht, dann nur deswegen, weil wir in der Situation den Sinn nicht sofort erkennen und uns dagegen auflehnen.

 

Viele Menschen kennen emotionale Überreaktionen, sei es Ärger, Wut, Eifersucht oder Trotz. Seien Sie ehrlich, hat Sie eine dieser Emotionen jemals schon weitergebracht? Ganz im Gegenteil, eher werden Sie sich dadurch den ganzen Tag, die restliche Woche, den Job, Ihre Beziehung oder im schlimmsten Fall das ganze Leben versauen. Aber auch wenn sie meinen, das Ganze ganz gut im Griff zu haben, waren Sie vermutlich schon mal in einer Situation, wo Sie sich so verhalten hat, dass es Ihnen später leidgetan hat oder Sie es bereut haben, richtig?

 

Hier greifen Verhaltensmechanismen, die unter dem Begriff "reaktives System" zusammengefasst werden. Reaktiv bedeutet, dass wir nur re-agieren anstatt bewusst zu agieren, und zwar aus einer plötzlich entstandenen Emotion.

 

Das reaktive System wurde uns Menschen vor tausenden Jahren ursprünglich als Basisausstattung mitgegeben, um in gefährlichen Situationen das Überleben zu sichern, wenn man zum Beispiel von einem wilden Tier angegriffen wurde. Die 3 wichtigsten reaktiven Muster hierbei sind Kampf, Flucht und Ignoranz (sich totstellen).

 

Im heutigen Leben hingegen sind diese 3 Muster im Speziellen und das reaktive System im Allgemeinen jedoch oft ein Hindernis und führen vielmals zu verheerenden Ergebnissen. Man denke nur an Streit mit einem Freund oder dem Partner, wo man schnell beleidigend wird (indem man in den „Kampfmodus“ wechselt) und auf diese Weise Freundschaften oder Beziehungen gefährdet oder gar beendet. 

Genauso wenig erfolgreich ist die Flucht, also wenn man sich einem Konflikt komplett entzieht, indem man in diverse Tätigkeiten wie Fernsehen, Arbeit, Alkohol- und Drogenkonsum, oder sogar in eine Krankheit entflieht (Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass die Hälfte aller Krankheiten das Resultat einer Flucht sind). 

Sich „totstellen“ hilft natürlich ebenso wenig, wenn man gerade eine Standpauke vom Vorgesetzten bekommt, der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht oder sich eine Krankheit langsam manifestiert.

 

Ist also dieses System, das dem Menschen ja angeboren ist, nun durch und durch negativ? Können wir das reaktive System nicht doch irgendwie nutzen?

Natürlich können wir das:

Nutzen Sie es, um Ihre negativen Emotionen möglichst frei und ungefiltert rauszulassen, um sie nicht auf körperlicher Ebene zu speichern oder zu manifestieren.

Benutzen Sie es aber AUF KEINEN FALL, um in einer solchen Situation Entscheidungen zu treffen!

 

Ich wiederhole das Ganze nochmal in einem anderen Zusammenhang:

Wenn Ihnen bis jetzt der Denkansatz geläufig war, dass man richtungsweisende Entscheidung mit dem Herz und nicht mit dem Kopf treffen sollte, dann haben Sie prinzipiell mal Recht. Verwechseln Sie jedoch nicht Herzentscheidungen und Emotionsentscheidungen. Mit dem Herzen kann man nur richtige Entscheidungen treffen, indem man in sich hineinhört. Dafür bedarf es allerdings Ruhe ohne „Nebengeräusche“. Jeder Mensch darf dafür seine bevorzugte Technik verwenden, sei es jetzt Meditation, diverse Muskeltests oder was auch immer sich als zielführend herausgestellt hat. Da werde ich mich in keinster Weise einmischen. Jede reaktive Emotion hingegen überlagert die Ruhe und den direkten Draht zum Herz, wodurch es so gut wie sicher ist, dass Sie in diesem Moment eine falsche Entscheidung treffen würden.

 

Daher ist es also so wichtig, das Prinzip des reaktiven Systems voll und ganz zu verstehen und zu verinnerlichen!

 

Das heißt, Ihre Übung besteht darin, nach dem ersten Emotionsschub möglichst schnell wieder zur Ruhe zu kommen, auch so ruhig wie möglich zu bleiben und danach die Situation zu analysieren. Hatten Sie zum Beispiel Streit, erklären Sie dem Anderen (und damit auch gleich automatisch sich selbst) ausführlich, welche Emotionen in Ihnen wüten, warum Sie vielleicht doch recht haben könnten und er nicht oder was das Motiv für Ihre Handlung war.

Ziel ist es, langfristig nie die Kontrolle zu verlieren, und das müssen Sie einfach üben, üben und üben. Ich vermute, ich brauche Ihnen erst gar nicht großartig erklären, wieviel Vorteile es hat, seine Emotionen zu erklären. Der Andere entwickelt automatisch ein besseres Verständnis für Sie, Sie wiederum erkennen auf einmal viel leichter, wie Sie von Anderen wahrgenommen werden. Streitigkeiten dauern auf einmal nur noch eine halbe Stunde statt mehrerer Tage, und vor allem entsteht bei jedem Streit ein Lernprozess, der durch rein reaktives Handeln komplett abgewürgt wird.

Im Gegensatz zur Brechstangenromantik vieler Hollywood-Filme sind wirklich starke Männer nämlich nicht reaktiv, sondern reflektiv. Ich garantiere Ihnen, sobald Sie sich angewöhnt haben, weniger reaktiv zu handeln, werden Ihnen viele Filmhelden, die von Bruce Willis, Clint Eastwood, Sylvester Stallone oder Steven Seagal dargestellt werden, nur noch wie Witzfiguren vorkommen.

 

Ein weiterer Ausläufer dieses Missverständnisses glorifiziert zum Beispiel auch einige „typische“ Eigenschaften sogenannter „Südländer“. Haben Sie nicht schon einmal von einer „heißblütigen Brasilianerin“ oder einem „temperamentvollen Italiener“ geschwärmt? Diese beiden Charaktere sind selbstverständlich großartig für einen Urlaubsflirt, weil wir Mitteleuropäer für gewöhnlich im Durchschnitt nicht ganz so reaktiv sind, daheim wollen Sie jene aber jedenfalls nicht haben, es sei denn Sie haben einen dezenten Hang zur Selbstzerstörung. Nach etwa 20 Aufenthalten in Brasilien können Sie mir das getrost glauben. Der Begriff „sehr temperamentvoll“ ist definitiv kein Kompliment für jemanden, der ein Schöpfer sein will. Im Verlaufe dieses Buches werden Sie noch mehr Verständnis dafür entwickeln, warum das so ist.

 

Auch wenn Ihnen des öfteren trotzdem ein reaktiver Ausbruch passiert, ist es, wie erwähnt, gar nichts Schlimmes, solange Sie diesen als solchen erkennen. Und je öfter Sie einen solchen erkennen, desto leichter werden Sie sich tun, diese in Zukunft schrittweise zu dezimieren. Sie sollten verstehen, dass Sie hier an einer Ihrer wichtigsten Eigenschaften üben, das heißt, die Mühe zahlt sich definitiv aus. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie eine neue Qualität des Lebens kennenlernen werden, wenn Sie nicht bei jeder Bodenwelle in die Luft gehen! Bodenhaftung ist nicht nur bei Autos ein wichtiges Kriterium, sondern vor allem bei uns Menschen. WIE wichtig, werden Sie in diesem Buch noch lernen.

 

 

Wir sind größtenteils so aufgewachsen, dass wir unserem emotionalen System die absolute Freiheit geben, nach dem Motto "So wie ich fühle, so bin ich".

Verinnerlichen Sie jedoch das Prinzip des reaktiven Systems, wissen Sie, dass wir oft Emotionen aufgrund von reaktiven Mustern und Glaubenssätzen entwickeln, die absolut nicht unserem wahren Ich entsprechen.

Die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, besteht im Einschalten des Bewusstseins. 

Reaktiv sein bedeutet, sich in diesem Moment vom Bewusstsein abzukoppeln!

Ein großer Teil des reaktiven Systems ist auch in unseren Gewohnheiten gespeichert. Sobald man auf einen emotionalen Trigger öfter mit der gleichen Handlung antwortet, wird diese Handlung zum Reflex, und man reagiert in Zukunft immer gleich, auch wenn es die Ausgangssituation gar nicht erfordert und man sich dadurch sehr oft schadet. Überprüfen Sie daher regelmäßig ihre Gewohnheiten und „Prinzipien“ und fragen Sie sich, ob es nicht mal angebracht wäre, in gewissen Situationen einen neuen Weg einzuschlagen. Fast immer limitiert man sich nämlich durch seine festgefahrenen Reaktionen, weil man eine neue Betrachtungsweise erst gar nicht zulässt.

 

Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir oft, wenn irgendetwas passiert, noch nicht wissen können, ob das jetzt gut oder schlecht ist (meistens ist es ohnehin gut). Das heißt, wir geben dem Universum gar nicht erst die Chance, uns seinen guten Willen zu zeigen, wenn wir uns zu schnell aufregen oder zu schnell depressiv werden, wegen einer vergebenen Chance zum Beispiel. In diesen Momenten sind wir zu 100 Prozent in der Opferrolle. Wollen wir das?

 

Eine ausgezeichnete Übung, sein reaktives System auf die Probe zu stellen ist, spontane Wünsche und Bedürfnisse nicht sofort zu befriedigen. Dazu ein simples Beispiel:

 

Am Weg zum Supermarkt komme ich bei einem Juwelier vorbei und sehe eine Uhr, die mir richtig gut gefällt, und sie ist sogar noch verbilligt. Ich betrete das Geschäft und probiere sie an, und sie steht mir außerordentlich gut. Ich male mir in diesem Moment schon aus, wie toll ich damit am Abend aussehe und das Gefühl, diese Uhr haben zu wollen, wird immer stärker.

An dieser Stelle habe ich zwei Handlungsmöglichkeiten: Entweder ich zücke die Kreditkarte und kaufe die Uhr, oder ich widerstehe dem Impuls, verlasse den Laden wieder und gehe weiter zum Supermarkt, um wie geplant Grundnahrungsmittel einzukaufen. Mit dieser Entscheidung stelle ich die Weichen entweder Richtung Opfer bzw. Verbraucher - sofortige Befriedigung meines reaktiven Systems, oder Schöpfer - bewusste Handhabung meiner Wünsche. Indem ich die Uhr nicht sofort kaufe, widerstehe ich dem Wunsch, sie sofort zu besitzen. Also lege ich sie zurück, verlasse das Geschäft und lasse den Wunsch ruhen.

Am nächsten Tag prüfe ich erneut, ob ich die Uhr immer noch haben will. Wenn sie mir wirklich wichtig ist, sollte ich in den Laden gehen und sie kaufen.

Es geht nämlich nicht darum, mir einen Wunsch zu verwehren, sondern nur darum, einen unkontrollierten, reaktiven Wunsch zu erkennen und dann eine bewusste Entscheidung zu treffen.

 

Diese Übung kann ich jedem nur empfehlen, in das tägliche Leben zu integrieren, da wir in dem Moment, wo wir einen Wunsch zurückstellen, einen Widerstand gegen das reaktive System aktivieren. Dieser Widerstand bringt uns auf die nächsthöhere Bewusstseinsstufe und lässt uns erfahren, was es bedeutet, Kontrolle über das eigene Leben zu haben!

Haben Sie Kinder, sollten Sie diese Übung bereits sehr früh an diese weitergeben. Das tun Sie, indem Sie ihnen ihre Wünsche nicht versagen, sondern ihnen einfach nur erklären, dass sie das Gewünschte morgen gerne haben könnten, jedoch nicht sofort und auf der Stelle. Kinder sind extremst reaktiv, das heißt, viele Wünsche sind ohnehin nur ein paar Minuten relevant. Ich behaupte jetzt mal, das Spielzeug, das Ihr Kind heute im Supermarkt an der Kassa gesehen hat und das es in diesem Augenblick unbedingt haben wollte, ist morgen meistens nicht mal mehr halb so interessant. Sollte der Wunsch nach wie vor in gleichem Ausmaß vorhanden sein, dann kaufen Sie bitte Ihrem Kind den Gegenstand. Sie erreichen damit nämlich auch, dass sich das Kind für seine Geduld belohnt fühlt. Ohne, dass Sie also überhaupt etwas lang und breit erklären müssen, erreichen Sie damit schon einen großartigen, vollautomatischen Lerneffekt beim Kind.

 

Vielleicht haben Sie schon einmal vom sogenannten „Marshmallow Test“ gehört, der 1971 in Stanford durchgeführt wurde. Jedem Kind wurde ein Marshmallow in die Hand gedrückt, mit dem Versprechen, es bekäme einen weiteren, wenn es es den ersten innerhalb von 15 Minuten nicht aufessen würde.

Im Rahmen dieser Studie wurde dann der Zusammenhang zwischen dieser „Selbstkontrolle“ und dem Erfolg im späteren Leben hergestellt, den ich allerdings NICHT bestätigen kann und der auch durch andere Studien mittlerweile widerlegt wurde, wobei ich allerdings immer wieder betonen muss, dass „Erfolg“, wie ihn das Gros der Menschheit definiert, nicht gleichbedeutend mit „Erfolg“ nach unserer Definition ist.

Sie werden Sich jetzt vielleicht fragen, warum ich diesen Marshmallow-Test dann überhaupt erst erwähnt habe, wenn er gar nicht so relevant ist?

Ganz einfach. Weil ich immer wieder betonen werde, dass wahrer Erfolg nur dann auch ein Erfolg ist, wenn er auf ALLEN Lebenssäulen stattfindet, und weil es gleichzeitig nicht viel bringt, sein reaktives System perfekt zu beherrschen, dafür aber schwere Defizite auf allen anderen Ebenen zu besitzen.

Wenn Sie also versuchen, sich selbst und Ihren Kindern anzugewöhnen, weniger reaktiv zu sein, dann kommen Sie bitte nicht auf die Idee zu glauben, Selbstkontrolle sei DAS geeignete Mittel für Ihre Entwicklung. Sie mag zwar beizeiten ein geeignetes Mittel für beruflichen oder finanziellen Erfolg sein, steht Ihnen aber in vielen anderen Bereichen eher im Weg, wenn man sie sich zum Dogma macht.

Daher empfehle ich dringend, einen dezenten Mittelweg zwischen reaktiv und nicht reaktiv zu suchen. Jetzt wo Sie das Prinzip kennen, werden Sie sich in kürzester Zeit relativ leicht tun, diesen Weg zu erkennen, da bin ich mir sicher.